Mein Name ist Julika Stich. Ich bin 36 Jahre alt und habe 17 Jahre lang als Kind, Jugendliche und junger Erwachsener meine Mutter gepflegt. Als ich 2 Jahre alt war erkrankte meine Mutter an Multiple Sklerose.

 

Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, die waren besonders schwer für mich: Einmal hat sich ein Mitschüler einen Scherz erlaubt und ich dachte, meine Mutter sei nicht mehr Zuhause, er habe ihren Rollstuhl (der zweite Rollstuhl, den sie für unterwegs brauchte) nicht mehr vor der Haustür gesehen. Heute kann ich mich noch an die Angst erinnern, die ich hatte und wie schnell ich vom Schulweg nach Hause gerannt bin. Auch als ich dachte, es wird bei uns eingebrochen und ich und meine Mutter hörten jemand um das Haus schleichen und ich hatte eine riesen Panik. Ich war damals ungefähr 16 Jahre alt und dachte nur: "Was machst du, wenn jemand kommt? Deine Mutter liegt da und kann sich nicht bewegen". Ja und dann habe ich viele Tage meiner Kindheit und Jugend im Krankenhaus verbracht. Ich musste mich erst mal als Erwachsene daran gewöhnen, wenn ich ein Krankenhaus betreten sollte. Mittlerweile kann ich das ganz gut und erschrecke auch nicht mehr, wenn ich einen Krankenwagen höre.

Aber es gab auch viele schöne Momente: Als Kind war immer das Highlight eines Kindergeburtstages einmal Hebegerät zu fahren, oder die vielen Gäste bei uns Zuhause (wir hatten oft Besuch und saßen gemeinsam am Esstisch), oder die schönen Momente mit meinen Freunden.

Heute weiß ich, dass ich jahrelang nach Hilfe gesucht habe und oft  ständig überfordert war. Denn obwohl viele Leute zu uns kamen, überblickte niemand so recht die Situation. Wie konnte sie auch, habe ich ja jetzt erst mit 34 Jahren richtig überblickt, dass diese Tätigkeiten normalerweise nur Erwachsene machen, aber auch, dass ich damit nicht alleine war. Erst in den vergangen Monaten habe ich mich näher damit beschäftigt und herausgefunden, dass es in Deutschland schätzungsweise 250.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene gibt, die ihre Eltern oder andere Angehörige pflegen. Da ich nun vertraut mit dem Hintergrund bin und offener damit umgehen kann, erfahre ich auch viel über ehemals pflegende Kinder und Jugendliche.

Das war für mich ein sehr befreiendes Erlebnis, denn obwohl ich immer noch oft die Auswirkungen der jahrelangen Pflege meiner Mutter spüre, kann ich das besser einordnen und eine Freundin sagte neulich erst zu mir, dass sie es richtig gut findet, dass ich die Situation nicht mehr herunterspiele und ernst nehme. Dadurch kann ich das dadurch entstandene Chaos in meinem Leben besser einordnen und bekomme nicht mehr so schnell Angst. 

Wenn jemand wieder mal unwissend sagt, dass es alles gar nicht so schlimm war, dann bleibe ich heute standhaft-  Nein es war nicht gut gelaufen. Ich hatte keine richtige Kindheit und Jugend und habe vieles vermisst, oft unter Dauerbelastung gestanden und riesengroße Ängste gehabt. Das ist im Nachhinein nicht zu ändern, aber im Nachhinein ist mein Anliegen Aufklärungsarbeit zu leisten! Dabei gebe ich mir Mühe und verzichte so gut wie es geht auf Belehrung und Anklage.

Eins weiß ich jetzt immer besser: Ich bin genauso richtig, wie ich bin. Durch die Pflege habe ich viele Fähigkeiten, aber auch immer noch sehr viel nachzuholen. Früh musste ich Erwachsen werden und lerne seit den letzten Jahren Dinge zu tun, die ich immer schon mal machen wollte. Neulich war ich mal wieder mutig und bin über eine Hängebrücke gelaufen.  Mein nächstes Abenteuer wäre ein Paragliding Flug- denke schon, dass ich mich traue ;-).

 

Lübeck, 2018

Julika Stich

 


Für Clarissa!

 

 

Danke für deine Liebe und Loyalität!

Ich habe zwar keine leibliche Schwester,

aber du bist viel mehr als das.

Danke, für deine Art die Dinge zu sehen

und worüber ich alles mit dir lachen kann.

Danke, dass du mich verstehst.

Du gingst bei uns zu Hause ein und aus

und wir haben so viel miteinander geteilt,

auch die nicht so einfachen Aufgaben.

Ich bin so unendlich froh, dass es dich gibt!